Eine Erdbeere, ein Glas Nutella, daneben Teller und Glas. Auf einer kleinen Holzscheibe sieht das zunächst vielleicht etwas rätselhaft aus. Für das siebenjährige Mädchen, das die Scheibe mit diesen Motiven bemalt, ist sofort klar, was gemeint ist. Ihre verstorbene Mama mochte Erdbeeren gerne mit Nutella. Also kommt genau diese Erinnerung auf ihr Windspiel.
Es ist Montagnachmittag in der Friedenskirche. Sechs Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren sind ins Sternenzelt gekommen. Wie immer beginnt die anderthalbstündige Gruppenstunde mit dem vertrauten Ritual: Die Kinder kommen an, erzählen, wie es ihnen geht, eine Kerze erinnert an den Menschen, der gestorben ist und trotzdem seinen Platz in der Runde hat.
Heute allerdings haben einige ziemlich viel zu erzählen. Und während die einen noch reden, wird einer Siebenjährigen schon langweilig, also macht erst einen Handstand, dann eine Brücke. Irgendwann schaut Nicole Peters-Bokelmann, 1. Vorsitzende des Sternenzelt Oberhausen, auf die Uhr. Es ist Zeit für Bewegung.
Alle stehen auf, schütteln ihre Arme und Beine, streifen den Alltag ab, atmen tief in den Bauch. Danach geht es an den großen Tisch, auf dem Satinbänder, Holzscheiben, Glöckchen, Federn und bunte Blätter warten. Jetzt wird gebastelt.
Und da der Herbst vor der Tür steht, hat Peters-Bokelmann eine Idee für Windspiele mitgebracht. „Ich habe die Kinder gefragt: Wenn der Wind jetzt im Herbst kommt – was darf durch ihn vielleicht auch ein bisschen verblassen?“ Die Satinbänder stehen für das, was der Wind davontragen darf. Auf den Holzscheiben findet Platz, was bleiben soll. Ein Gedanke, ein Mensch, eine Erinnerung. Und davon gibt es viele.
Ein Mädchen malt zwei Landesflaggen. Eine steht für das Land, in das ihr verstorbener Vater gerne in den Urlaub gefahren ist, die andere für das Land, aus dem ihre Mutter stammt. Und dann malt sie noch einen Döner. Der gehört für sie genauso dazu. Denn neben dem Friedhof, auf dem Ihr Vater liegt, gibt es einen Dönerladen, in dem sie anschließend immer einen Döner isst.
Auf einer anderen Holzscheibe steht „Schwimmen“. Das Mädchen denkt an ihren verstorbenen Opa, mit dem sie früher schwimmen gegangen ist. Und dann fällt ihr noch etwas ein. Einmal haben die beiden danach gemeinsam eine Flasche Cola getrunken. Eine für zwei. Heimlich. „Das durfte keiner wissen“, erzählt sie.
Am Tisch malen die Kinder weiter, knoten Bänder, suchen Federn aus und probieren aus, wo das Glöckchen am besten hängt. Und natürlich reden sie dabei. Mal über Mama oder Opa, dann wieder über Dinge, die mit Trauer überhaupt nichts zu tun haben. Sie quatschen und lachen. Beides gehört an diesem Nachmittag ganz selbstverständlich zusammen. So geht das im Sternenzelt.
Genau diese Momente mag Peters-Bokelmann. Das hört man ihr an, wenn sie von der Gruppenstunde erzählt. „Am Ende sitzen wir noch einmal im Kreis. Und das ist immer schön und besonders, wenn die Kinder erzählen, was sie sich bei der Gestaltung gedacht haben.“
Also kommen zum Schluss noch einmal alle zusammen. Vor ihnen liegen sechs Windspiele und in jedem steckt eine andere Geschichte. Eine führt ins Schwimmbad, eine in ferne Urlaubsländer. Eine zum Dönerladen neben dem Friedhof. Und eine zu einer Mutter, die ihre Erdbeeren gerne ins Nutellaglas tunkte.
Die Kinder sind gelöst und stolz auf ihr Werk und freuen sich schon auf die nächste Stunde – in einem Monat.

